© IÖW

Das Bundesumweltministerium (BMUB) hat sich gefragt, wie junge Leute zu den Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und Stadtentwicklung stehen, und über 1000 Jugendliche zwischen 14 und 22 Jahren haben in einer umfangreichen repräsentativen Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) geantwortet. „Für 44 Prozent der 14- bis 22-Jährigen gehört eine intakte, natürliche Umwelt zu einem guten Leben unbedingt dazu“, hebt das BMUB die zentrale Botschaft der Studie „Zukunft? Jugend fragen!“ hervor. Neben den differenzierten Ergebnissen zu Umweltbewusstsein, Interesse und Engagement unserer Generation steht für uns im Vordergrund, dass hier ein Bundesministerium neue Wege der Jugendbeteiligung erprobt hat.

Carolin Lotter aus dem Jugendbeirat kommentiert die Ergebnisse der Studie. CC: ZSM

41 Prozent der befragten Jugendlichen sind beunruhigt, wenn sie daran denken, welche ökologischen Probleme wir den folgenden Generationen hinterlassen werden. Allerdings sehen nur 28 Prozent jede*n Einzelne*n in der Verantwortung, genügsamer zu leben, um die natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Verantwortlich für den Umweltschutz ist in den Augen von 43 Prozent der Befragten in erster Linie der Staat. Wenn es um ihre eigenen Werte und Lebensziele geht, bestätigen die Jugendlichen die Ergebnisse vorangegangener Studien wie der Shell-Jugendstudie 2015: Zwei Dritteln der Jugendlichen bedeuten Partnerschaft, Freundschaften und Familie besonders viel. Engagement für das Gemeinwohl, umweltfreundliches Verhalten und Unterstützung sozial Benachteiligter sind dagegen nur für weniger als ein Viertel der Jugendlichen sehr wichtig. Soviel zu den allgemeinen Aussagen der repräsentativen Befragung von 1034 Jugendlichen und der qualitativen Forschung in einer Online-Community.

🔍 Anreize für nachhaltiges Verhalten. © BMUB

In den Detailfragen zu Konsum und Umweltverhalten wird deutlich, welche Prioritäten junge Menschen in ihrem Konsumverhalten setzen und wie sie ökologische Alternativen oder aber Konsumverzicht bewerten. Unter verschiedenen Konsumoptionen findet ausgiebiges Reisen am meisten Zuspruch, für 46 Prozent sind Reiseerlebnisse sehr wichtig. Gleich darauf – noch vor dem Autobesitz – folgt das Vorhaben, den Plastikverbrauch im Alltag zu reduzieren, für 40 Prozent ist das eine persönliche Priorität. Sich vegetarisch oder vegan zu ernähren, ist hingegen nur für 12 Prozent sehr wichtig. Genauer betrachtet ist die Bereitschaft, weniger Fleisch zu essen, bei Mädchen deutlich ausgeprägter als bei Jungen. Unter den männlichen Befragten haben nur 20 Prozent bereits ihren Fleischkonsum reduziert, unter den weiblichen sind es mit 39 Prozent fast doppelt so viele.

Mit Gleichgesinnten Selbstwirksamkeit erfahren

Fragt man die Jugendlichen nach Formen des sozial-ökologischen Engagements, sprechen Online-Aktionen über 60 Prozent an. 56 Prozent interessieren sich für die Unterstützung von Geflüchteten oder engagieren sich hier bereits. Jeweils knapp die Hälfte der Befragten ist bereit, an Demonstrationen teilzunehmen oder sich in Gruppen und Organisationen für Natur- und Umweltschutz oder für Menschenrechte zu engagieren, jeweils knapp ein Fünftel ist schon aktiv geworden. An parteipolitischer Arbeit sind nur 37 Prozent der Befragten interessiert. Das entscheidende Hemmnis für Engagement scheint Zeitmangel zu sein. Daher neigen die Befragten eher dazu, sich kurzfristig lokal zu engagieren, als langfristig Verantwortung zu übernehmen. Ein entscheidender Faktor, der ein intensives Engagement attraktiv macht, ist die Möglichkeit, Zeit mit Gleichgesinnten zu verbringen und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Diese Ergebnisse könnten ein Ansatzpunkt sein, um mehr junge Leute für die Mitwirkung am sozial-ökologischen Wandel zu gewinnen.

Neue Wege der Jugendbeteiligung

Jugendklimabotschafter*innen mit Staatssekretär Flasbarth auf der UN-Klimakoferenz 2017. © BMUB/Lutz

Bei der Umsetzung der Studie haben das Bundesumweltministerium und das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung experimentiert: Jugendliche waren nicht nur „Beforschte“, sondern auch an der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung des Forschungsvorhabens beteiligt. Wir, zwei Aktive von „Zukunft selber machen“, durften die Studie als Mitglieder des Jugendbeirats begleiten. Das IÖW beteiligte den Jugendbeirat, bestehend aus sieben Vertreter*innen von Jugend-NGOs, ein Jahr lang an ihrer Arbeit. Wir konnten unsere Tipps und Empfehlungen zur Konzeption und Auswertung der Forschung einbringen. Neben der Repräsentativbefragung und der Online-Community gab es drei weitere Workshops, in denen knapp 100 Jugendliche am Forschungsdesign und an der Interpretation der Ergebnisse mitwirkten. Diese intensive Beteiligung des „Forschungsgegenstands“ ist nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive interessant, sondern ist selbst eine Form der Jugendbeteiligung. Die Erwartungen und Wünsche junger Menschen an die Umweltpolitik, die im Forschungsprojekt zum Ausdruck gekommen sind, werden sich nicht in Gesetzesentwürfen den BMUB wiederfinden lassen. Doch die Studie macht die Anliegen einer unterrepräsentierten gesellschaftlichen Gruppe transparent, sodass sie in die politische Willensbildung einfließen können. Das BMUB macht die Stimme der Jugend hörbarer und bestärkt sie in ihrem Interesse und Engagement.

Mehr Mitsprache für Jugendliche!?

Politische Botschaften der Teilnehmer*innen des BMUB-Jugendklimadialogs 2017. © BMUB

Die Studie reiht sich in viele Jugendaktionen und Veranstaltungen des BMUB ein, die Teil eines Projektes mit dem schulisch anmutenden Namen „Erdballkunde“ sind. Was nach Geografieunterricht klingt, umfasst viele Formate, in denen sich junge Leute in die Umweltpolitik einbringen können. In Planspielen und Jugenddialogen hört das BMUB zu und unterstützt bei Jugendkongressen gleichzeitig das Engagement junger Menschen für eine nachhaltige Entwicklung. Begegnen wir den Mitarbeiter*innen des Ministeriums bei diesen Gelegenheiten, fühlen wir uns ernstgenommen. Klar, dass es einem Umweltministerium leichter fällt, auf die Interessen der jungen und zukünftigen Generationen einzugehen, als einem Wirtschafts- oder Verkehrsministerium. Auf diese Weise kann es vielleicht gelingen, die Verdrossenheit junger Menschen gegenüber etablierten politischen Institutionen zu überwinden und sie dafür zu begeistern, sich einzumischen, wenn über unsere Zukunft entschieden wird. Herausforderungen bleiben – für das BMUB und auch für uns: Wie erreichen wir Jugendliche, die nicht in Organisationen und Gruppen organisiert sind? Wie werden wir weniger exklusiv und wie gehen wir auf junge Menschen zu, die nicht Gymnasist*innen oder Student*innen sind? Und vor allem: Wie können Beteiligungsprojekte zu Mitsprachestrukturen, über die junge Menschen wirksam mitentscheiden, werden? Denn die Generation der heute 50-70-Jährigen darf nicht länger Entscheidungen auf Kosten zukünftiger Generationen treffen.

Hier geht’s zur BMUB-Jugendstudie!

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